Angedacht

Das Licht der Versöhnung

„Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte.“ (Johannes 20,11a)

Heute, an dem Tag, an dem ich diese Zeilen schreibe, schlägt in der ukrainischen Stadt Charkiw eine Rakete auf dem Freiheitsplatz ein und geht in einem massiven Feuerball auf. Es seien mindestens 10 Menschen getötet und 35 weitere verletzt worden. In den letzten Tagen und in den kommenden Tagen werden einige Menschen vor Gräbern ihrer unnötig gestorbenen Angehörigen stehen und weinen.

Menschen in der Ukraine haben nachts Angst und schrecken bei schon kleinsten Geräuschen aus dem Schlaf auf. Unschuldige Bürger filmen mit ihren Handys durch die Schlitze ihrer zugezogenen Fensterrollos die Soldaten, die draußen ungebeten vor ihrer Haustür vorbeimarschieren und eine bedrohliche Stimmung verbreiten. In einem Luftschutzbunker in Kiew ist offenbar ein Baby mit dem Namen Mia zur Welt gekommen. Ein unschuldiges Wesen, das das Licht der Welt eigentlich unter einem friedlichen Himmel erblicken sollte.

Was können wir in solchen Tagen der Gewalt, des Leides und der Trauer tun? Über verschiedene Infokanäle und in den Bekanntmachungen der Gottesdienste könnt ihr erfahren, wie wir aktiv helfen können. Und eines können wir jeden Tag in jedem Augenblick tun: ein Flehen zu unserem Gott schicken.

Der bedeutende Theologe Karl Barth hat ein gewaltiges Werk hinterlassen. Fast noch mehr als die Person oder sein Werk kann aber die folgende scheinbare Kleinigkeit beeindrucken: Karl Barth ging an Heiligabend, an Ostern oder anderen hohen Feiertagen nicht in eine große Haupt- oder Universitätskirche, sondern in das Basler Gefängnis, um dort für die Gefangenen den Gottesdienst zu halten. Ein Gebet, das er in einem Ostergottesdienst im Basler Gefängnis gesprochen hat, kann auch heute noch tröstend und ermutigend sein:

„Herr, Gott unser Vater durch Jesus Christus deinen Sohn in der Macht deines Heiligen Geistes!
Ach gib doch unseren Augen Licht, damit wir dein Licht, das hell leuchtende Licht der Versöhnung sehen mögen! Denn das ist die größte Plage, wenn bei Tage man das Licht nicht sehen kann. Befreie uns doch von dieser Plage: uns und alle die Christen, die heute recht oder schlecht Ostern feiern – das ganze noch immer und immer wieder neu so verwirrte und gefährdete Menschenvolk in der Nähe und in der Ferne!
Segne, was in unserer Kirche, aber auch in den anderen, jetzt noch von uns getrennten Kirchen und Gemeinschaften geschieht zur Bezeugung deines Namens, deines Reiches, deines Willens! Regiere aber auch alle redlichen Bemühungen der staatlichen Obrigkeiten, Verwaltungen und Gerichte hier und in aller Welt! Stärke die Lehrer im Gedenken ihrer hohen Aufgaben gegenüber der heranwachsenden Generation – die Leute, die die Zeitungen schreiben im Bewusstsein ihrer schweren Verantwortlichkeit für die von ihnen beeinflusste öffentliche Meinung – die Ärzte und Krankenschwestern in der treuen Aufmerksamkeit angesichts der Nöte der ihnen Anbefohlenen! Ersetze du mit deinem Trost, deinem Rat, deiner Hilfe, was wir Alle so vielen Einsamen, Armen, Kranken, Verirrten schuldig bleiben! Und so lass dein Erbarmen auch an Allen, die in diesem Hause sind, und an ihren Angehörigen offenbar und mächtig werden!
Wir legen uns und Alles, was uns fehlt und was die Welt nötig hat, in deine Hand. Wir hoffen auf dich. Wir vertrauen dir. Du hast dein Volk noch nie zuschanden werden lassen, wenn es dich ernstlich anrief. Was du angefangen hast, das wirst du auch vollenden.
Amen.“

(aus: Karl Barth, Fünfzig Gebete, TVZ-Verlag: Zürich 72005, S. 32f.)

Filip Kapusta